Jinkx & Dela - A Holy Moly Christmas

Drag Queens sind ein Phänomen – zumindest in den USA und dem virtuellen Streaming-Land. Während Herr und Frau Österreicher erste eigene Erfahrungen mit der Kunstform der Travestie wohl erst 2014 durch Conchita Wursts Song Contest Sieg gemacht haben dürften, wohnten Fans aus aller Welt bereits der sechsten Staffel von RuPaul’s Drag Race bei. Die Casting Show des Drag-Künstlers und Geschäftsmannes RuPaul erhob eine jahrzehntealte Nischenkunst in den Mainstream und bot mit Spin-Offs und Marketingmaschinerie mittlerweile dutzenden Queens eine nie dagewesene Bühne.

Die bislang erfolgreichste Gewinnerin der nun bereits 12 Staffeln starken Sendung wurde 2014 mit Bianca del Rio gekürt. Aber auch anderen ist es gelungen, sich selbst zur Marke zu machen: Ob Sharon Needles, Violet Chachki oder Sasha Velour – die Drag Stars bieten Performancekunst im Grenzgebiet zwischen Turbokapitalismus und Gegenkultur.

Mehr als eine Beleidigung für das Auge

Als „visual assault“1 charakterisiert Simon Doonan Drag in seinem großartigen Übersichtswerk. Je nach Spielart der Kunstform trifft das mehr oder weniger zu: Viele Queens brillieren als Visagisten und Kostümbildner und bedienen in hyperrealistischer Weise gängige Schönheitsideale. Andere lassen sich eher dem Genre „Zombie-Apokalypse“ zuordnen. Der Einsatz von Sprache spielt abseits des Drag-typischen Slangs ebenso eine unterschiedlich große Rolle: Während die bereits erwähnte Bianca del Rio stark auf schwarzen Humor setzt, halten sich andere an spektakuläre Bühnenshows mit Playback-Lippenbewegung.

Ein Duo, das in seinen schrillen Weihnachtsspektakeln seit Jahren gutes altes Cabaret mit knalligen Farben und Klischeekulissen vereint, sind Jinkx Monsoon und BenDeLaCrème. Die beiden Queens, die lange Zeit fixer Bestandteil der Drag-Szene von Seattle waren, nahmen beide auch am Drag Race Teil und gewannen jeweils Staffel 5 bzw. erreichten in Staffel 6 und All Stars 3 (einem Spin-Off) gute Platzierungen. Covid 19 zwang sie heuer, ihre neue Weihnachtsshow aufzuzeichnen und über Vimeo on Demand zur Verfügung zu stellen. (Mittlerweile wurde die Show auch vom Streaming-Dienst Hulu in sein Programm übernommen.)

Wem es die Sprache verschlägt bei den irrwitzigen Liedern und dem knallbunten Interieur, dem fehlt wohl ein Begriff im Grundwortschatz: camp. Das Eigenschaftswort hat nichts mit dem Kampieren im Freien oder einer Unterbringung zu tun, sondern bezeichnet eine stereotyp homosexuelle Optik und ein entsprechendes Verhalten. Ausformuliert und reflektiert wurde der Begriff von Susan Sontag 1962 in ihrem gleichnamigen Essay. Im Unterschied zu den verwandten deutschen Wörtern "kitschig" oder "tuntig" ist das Englische camp mittlerweile eine Art modischer Ritterschlag: 2019 verschrieb sich die bekannte Met Gala dem Motto. Als Stil ist camp jedenfalls alles, was eine Jinkx & Dela Show ausmacht: Laut, grell, aufsehenerregend und nicht zuletzt auf freche Weise humorvoll.

Weihnachtsveteraninnen in Action

„Jeder ist traumatisiert von Weihnachten“, so die Grundthese der Holiday Show, deren Storyline schnell umrissen ist: Dela will Weihnachten so feiern, wie sie es von ihrer Großmutter kennt – ganz anders als Jinkx, die überhaupt nicht feiern will, weder aus religiösen noch sonst irgendwelchen Gründen. Es entwickelt sich ein Tauziehen um die rechte Weise, die alljährlichen Martertage zu verbringen, in dem sämtliche Traditionen durch den Kakao bzw. das traditionelle Eggnog gezogen werden. Schließlich sind Traditionen doch etwas Wunderbares! Denn sie verbinden uns mit der Vergangenheit – so Delas Sicht der Dinge – wie ein Betonklotz, der uns an den Meeresgrund fesselt. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Kinky ist ebenfalls ein nützliches, schwer übersetzbares Wort, will man den mysteriösen Nackten beschreiben, der auf einem Barhocker seine Weisheiten zum Besten gibt, oder Delas gesungene Santa-Fantasien, die dem Werk neben vielem anderen wohl das 18+ eingebracht haben. Bemerkenswert ist, dass man sich in den USA wirklich noch an Weihnachten abarbeiten und dabei auf Religion Bezug nehmen kann. Es wird zwar niemand 8€ investieren, um sich danach über den Inhalt zu beschweren, aber höchstwahrscheinlich erregt die post-post-Feuerbach’sche Religionskritik zweier Dragqueens eher nordamerikanische als mitteleuropäische Gemüter.

Nichts ist echt, alles wahr

Was bleibt, ist eine von BenDeLaCrème gut produzierte, knallbunte Weihnachtsrevue, die in dieser Form ohne das Drag Race und Covid 19 undenkbar wäre. Sie setzt einen Punkt hinter das apokalyptische Jahr 2020, indem sie sich in keiner Weise damit auseinandersetzt. Jinkx & Dela feiern Weihnachten, indem sie es nicht feiern, vor einer zeit- und ortlosen Kulisse, in perfektem Make-Up, kitschigen Kostümen sowie makellosen Perücken – und das alles im virtuellen Raum. Nichts ist echt, alles wirklich, und die geneigte Zuschauerin kann bezeugen: Alles ist wahr, der Widerspruch real.

Um nun nicht doch wieder die Krücken der europäischen Philosophie namens Deleuze, Lacan und Co. zu bemühen, bleibt abschließend bloß zu sagen: Frohe Weihnachten, welchen Echtheitsgrades auch immer.


>> Am 14. Jänner: Mary Karr - Unter Lügnern

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 1 Simon Doonan, Drag. The Complete Story, London: Laurence King 2019, 13.

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