Fremde Musen küssen besser

Es war auf einer Wanderung im Kontext eines theologischen Symposiums. Einer der honorigen Professoren hatte in seinem Vortrag die großen, selbstverständlich männlichen und deutschsprachigen Kulturträger des 19. und 20. Jh. hochleben lassen und seine Thesen entlang ihrer Gedanken formuliert. Was mich daran auch zwischen Fichten und Tannen nicht losließ, war die Stimmung: Ich fühlte mich wie in einem Salon der Jahrhundertwende und verspürte das dringende Bedürfnis, mir zur Tarnung ein Tweed-Sakko überzuwerfen. „Ich finde ja eigentlich, die Simpsons sind Allgemeinbildung.“, sagte ich zu einem gleichaltrigen Studenten, der neben mir den Waldweg entlangschlenderte. „Aber hier schämt sich bestimmt niemand dafür, dass er sie nicht kennt.“ 

An jenem lauen Tagungsnachmittag rannte ich mit meiner Aussage offene Türen ein. Der Student entpuppte sich als großer Simpsons-Aficionado, der – wie ich – aus dem Stegreif zig Szenen und Dialoge zitieren und damit ein philosophisches Gespräch führen konnte. Einer kurzen Recherche zufolge, die ich gerade eben gemacht habe, finden sich weltweit immerhin ein paar Forschende, die ohne Scheu so weihrauchumwitterte Begriffe wie „Evangelium“ Seite an Seite mit den gelben Kultfiguren verwenden. Was die Simpsons angeht, war ich also vielleicht einfach zur falschen Zeit am falschen theologischen Ort.

"Niemand forscht zu meinen großen Vorbildern."

Pop-Kultur und die sogenannte Hochkultur bevölkern unterschiedslos meine Bücherregale und Playlists. Dementsprechend gibt es neben Exportschlagern wie den Simpsons viele weitere, eher obskure Namen: In der Regel kennt niemand in meinem Umfeld die Künstlerinnen und Künstler, die mich begeistern. Da sich Menschen in Zeiten des Internets ihre Kontakte jedoch nicht unbedingt in ihrer Nachbarschaft suchen müssen, war das nie ein Problem: Virtuell bin ich seit früher Jugend mit Leuten verbunden, die meine Interessen teilen und sich mit mir darüber austauschen. Aber dann kamen mein Theologiestudium und mit ihm meine Forschungstätigkeit. Immer noch kannte niemand meine großen Vorbilder, die meist aus dem englischsprachigen Raum stammten, und dementsprechend forschte auch niemand zu ihnen. Nach der Reihe klopfte ich ihre Namen in die Suchfelder der großen theologischen Bibliografien und fand: nichts.

Weder halte ich meinen Geschmack für das non plus ultra, noch ist per se etwas falsch daran, im Jahr 2019 über die biblischen Bezüge von Goethes Faust nachzudenken. Doch die Künstlerinnen und Künstler, mit denen ich meine Freizeit verbringe, inspirieren mich theologisch. Bei vielen von ihnen finde ich die Themen, die mich bewegen, und die Sprache, sie mitzuteilen, kurz: Ich erkenne mich in ihnen, was ich von der deutschsprachigen Theologie weitestgehend nicht behaupten kann.

Joseph Campbell und die tausend Gesichter der Musen

Obwohl seit der Plauderei über die Simpsons und den befremdlichen Erfahrungen in der Forschung Jahre vergangen sind, bilden sie doch so etwas wie die Geburtsstunde dieses Blogs. Seinen Namen – The Muses Nine – verdankt er übrigens einem Text von Joseph Campbell (1904-1987), dem US-amerikanischen Literaturprofessor und Experten auf dem Gebiet der vergleichenden Mythenforschung. Also einem jener großen weißen Männer, die zumindest aufgrund von Geschlecht, Ethnie und Ära gute Chancen haben, einem Theologischen Kongress bekannt zu sein. Aufgrund von Campbells großer Breitenwirksamkeit wurden seine Werke auch ins Deutsche übersetzt, womit auch die letzte, immer noch bestehende Hürde für die deutschsprachige Theologie bewältigt wäre.

Campbells bekanntestes Werk, The Hero with a Thousand Faces (1949), skizziert die sogenannte Heldenreise – einen „Monomythos“, den Campbell als erzählerisches Grundmuster über die Kulturen- und Religionsgrenzen hinweg betrachtet: Der Held bricht aus dem Alltag auf, erlebt Abenteuer und kommt mit Fähigkeiten ausgestattet zurück, die seinem Umfeld nutzen. Zahllose Werke, angefangen bei Star Wars von George Lucas, nehmen später Bezug auf seine Theorie und bringen ihr große Popularität ein. Die Heldenreise selbst ist freilich keine Erfindung von Campbell, sondern ein Substrat aus abertausenden Erzählungen, die Menschen einander zu unterschiedlichsten Zeiten und an unterschiedlichsten Orten erzählten.

Was der Blog deshalb bietet

Die gemeinsamen Erfahrungsmuster der Menschheit zu entdecken ist auch das Ziel des titelgebenden Essays The Muses Nine.1 Er bildet einen Abschnitt einer längeren Untersuchung über die Zahlensymbolik der Göttin, die Campbell bis in prähistorische Zeit zurückverfolgt. Drei Aspekte dieses Textes und von Campbells Arbeit im Allgemeinen sind für diesen Blog wegweisend:

1    Vielfalt, Vielfalt, Vielfalt!

Das Spannende an Campbells Arbeiten ist die schier endlose Stofffülle, aus der er seine Beispiele bezieht: Kein religiöses System ist ihm fremd, kein Winkel dieser Welt zu verborgen, um nicht eine Höhlenmalerei zu finden, die im Grunde mehr mit der klassischen Antike gemeinsam hat, als sie von ihr unterscheidet. In dieser alle Länder und Zeiten umfassenden Flut sucht er nach den menschheitsgeschichtlichen Leuchttürmen – nicht in einer Weltanschauung allein. Gibt es nach zwei Weltkriegen, einer globalisierten Wirtschaft und neuerdings auch einer Pandemie einen anderen Weg, miteinander in die Zukunft zu kommen?

2    Die Musen halten wieder Einzug

It was as though the Muses had themselves awakened and found voice. (Campbell, Muses Nine) 

 Es war, als ob sich die Musen erwecken ließen und eine Stimme fanden.

Campbell beginnt seinen Text mit einer Schilderung von Florenz anno 1450. Cosimo de Medici (1389-1464) fördert den Humanismus, und insbesondere den von ihm bewunderten Philosophen Marsilio Ficino (1433-1499). Auch wenn die beiden keine neue platonische Akademie gründen, wie Campbell noch meint, was mittlerweile aber historisch widerlegt ist, so bilden sie gemeinsam mit anderen Denkern und Künstlern doch einen Umschlags- und Anziehungspunkt für alte und neue sowie fremde und heimische Ideen. Altgriechisch wird zu diesem Zeitpunkt seit langem nicht mehr gelehrt. Doch der Untergang des byzantinischen Reiches hat zahlreichen Handschriften den Weg nach Italien geebnet. So konzentriert sich Ficino nun auf deren Übersetzung und eröffnet dem Westen so den Zugang zum (Neu)Platonismus. Die Musen halten wieder Einzug – und sie kommen, wie immer, von weit her. Fremde Musen küssen einfach besser.

3    Nichts ist zu heilig

Zwischen Theologie und Popkultur scheinen oft noch dieselben Berührungsängste zu bestehen wie zwischen dem Teufel und dem Weihwasser. Oder, weniger polemisch: Zwischen Heiligem und Profanen. Beide kann es scheinbar nur in Abgrenzung voneinander geben, und so dienen popkulturelle Referenzen zwar gerne als Aufhänger, nicht aber als Fundament der theologischen Auseinandersetzung. Die Eigenschaft der Heiligkeit scheint auch direkt proportional mit dem Alter verbunden zu sein: Dementsprechend geringer ist die theologische Scheu bei Goethe als bei den Simpsons. Campbell diskriminierte weder nach Ort noch nach Zeit, und organisierte so bereits 1986 ein Symposium mit dem Titel From Ritual to Rapture, from Dionysus to the Grateful Dead, bei dem auch letztgenannte Rock Band einen Beitrag leistete. Campbell selbst gestand, für diese Musik nie viel übrig gehabt zu haben, ehe er bei einem Konzert im Jahr zuvor eine Epiphanie mit anschließender Bekehrung erlebte.


Darum: Lebendig, fremd und nicht-theologisch

Als Literaturwissenschafter pflegte Campbell einen unkomplizierteren Umgang mit dem Heiligen. Er war es keiner Institution schuldig, es zu bewahren. Allerdings liegt dieser Aussage sowieso eine Fehlannahme zugrunde: Das Heilige lässt sich durch Weltoffenheit nicht gefährden. Im Gegenteil: Ohne Berührungsängste, auf Tuchfühlung mit der Zeit und ihren Menschen, lässt es sich in Musenküssen weitergeben.

Ein Scherflein trägt dieser Blog dazu bei. Alle zwei Wochen stelle ich eine Person und ihr Werk vor, die drei Kriterien erfüllt:

(1) Fremdsprachig
(2) lebt(e) und wirkt(e) im 21. Jh
(3) nicht ausgewiesen theologisch.

Campbell erfüllt Punkt zwei nicht; darum ist er der Hafen, von dem aus wir lossegeln.

>> Am 19. November: Lhasa de Sela - Mein Tod hat begonnen

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1 Joseph Campbell: The Mystery Number of the Goddess, in: van Couvering, Antony: The Mythic Dimension. Selected Essays 1959-1987, Novato: New World Library, 92-181, 139-159.

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