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Jinkx & Dela - A Holy Moly Christmas

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Drag Queens sind ein Phänomen – zumindest in den USA und dem virtuellen Streaming-Land. Während Herr und Frau Österreicher erste eigene Erfahrungen mit der Kunstform der Travestie wohl erst 2014 durch Conchita Wursts Song Contest Sieg gemacht haben dürften, wohnten Fans aus aller Welt bereits der sechsten Staffel von RuPaul’s Drag Race bei. Die Casting Show des Drag-Künstlers und Geschäftsmannes RuPaul erhob eine jahrzehntealte Nischenkunst in den Mainstream und bot mit Spin-Offs und Marketingmaschinerie mittlerweile dutzenden Queens eine nie dagewesene Bühne. Die bislang erfolgreichste Gewinnerin der nun bereits 12 Staffeln starken Sendung wurde 2014 mit Bianca del Rio gekürt. Aber auch anderen ist es gelungen, sich selbst zur Marke zu machen: Ob Sharon Needles, Violet Chachki oder Sasha Velour – die Drag Stars bieten Performancekunst im Grenzgebiet zwischen Turbokapitalismus und Gegenkultur. Mehr als eine Beleidigung für das Auge Als „visual assault“ 1 charakterisiert Simon Doo

Mark Salzman – Im leeren Boot

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Ein für den Pulitzer-Preis nominiertes Buch über seine Zeit in China ( Iron & Silk , 1986), zwei Romane mit Asienbezug ( The Laughing Sutra , 1991, The Soloist , 1994), drei autobiografische Bücher über das Leben und Schreiben in Amerika ( Lost in Place , 1995, True Notebooks , 2003, The Man in the Empty Boat , 2012) und ein Roman über die mystischen Erfahrungen einer Karmelitin ( Lying Awake , 2000) – was verbindet dieses vielfältige Oeuvre, was ist der rote Faden? Es sind allesamt Werke eines Suchenden. Seit frühen Jugendtagen will Mark Salzmann (1959) nichts sehnlicher als inneren Frieden, der ihm jedoch nicht vergönnt ist: Depressionen und Angstzustände stehen in seiner Herkunftsfamilie an der Tagesordnung, und so ist die Beantwortung der großen Fragen des Lebens für ihn kein primär intellektuelles Problem, sondern eine existenzielle Aufgabe. Mit geradezu religiöser Disziplin widmet er sich also dem Cello, der asiatischen Kampfkunst und schließlich auch dem Schreiben, ohne da

Lhasa de Sela - Mein Tod hat begonnen

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Seit vielen Jahren lese ich den Nekrolog der deutschen  und der englischen Wikipedia. Die meisten Einträge widmen sich Menschen, die viele Jahrzehnte Zeit hatten, um populär genug für einen Artikel in der Enzyklopädie zu werden. Relativ selten finden sich Einträge für junge Leute. Ich führe keine Statistik, aber sie scheinen dann vorwiegend Sportler zu sein, die bei Verkehrsunfällen gestorben sind. Ab und an stoße ich durch den Nekrolog auf Geschichten, die mich sprachlos machen. Eine von ihnen ist die des israelischen Sängers Amir Fryszer Guttman (1976-2017). Er bekam eine falsche Krebsdiagnose und unterzog sich einer dementsprechend unnötigen Behandlung. Es dauerte, bis der Irrtum aufgeklärt wurde. Ein Jahr danach gab er eine Strandparty, um sein zweites Leben zu feiern. Seine kleine Nichte lief ins Wasser und drohte zu ertrinken. Er stürzte hinterher, um sie zu retten – das Mädchen überlebte, er starb. Noch Jahre später denke ich an ihn und sein Schicksal. Die tibetische Hauptstadt

Fremde Musen küssen besser

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Es war auf einer Wanderung im Kontext eines theologischen Symposiums. Einer der honorigen Professoren hatte in seinem Vortrag die großen, selbstverständlich männlichen und deutschsprachigen Kulturträger des 19. und 20. Jh. hochleben lassen und seine Thesen entlang ihrer Gedanken formuliert. Was mich daran auch zwischen Fichten und Tannen nicht losließ, war die Stimmung: Ich fühlte mich wie in einem Salon der Jahrhundertwende und verspürte das dringende Bedürfnis, mir zur Tarnung ein Tweed-Sakko überzuwerfen. „Ich finde ja eigentlich, die Simpsons sind Allgemeinbildung.“, sagte ich zu einem gleichaltrigen Studenten, der neben mir den Waldweg entlangschlenderte. „Aber hier schämt sich bestimmt niemand dafür, dass er sie nicht kennt.“